Tilly.

Oder: "Ich war nur weit genug entfernt."

 

Der Weg der Tilly-Episoden ähnelt dem der anderen Texte, die das Café Tabori inspirierte.

Das oft gescholtene Facebook bot und bietet mir eine Tafel, auf der ich schreiben kann.

Und dort sind die Zeilen auch das erste Mal zu lesen.

Nun schien es mir an der Zeit, das Geschriebene zu sammeln und die Geschichte "hinter" Tilly zu erklären.

Denn so lieb mancher diese Episoden gewonnen hat - ich bin es einem anderen schuldig, den Ursprung zu nennen.

Denn Tilly gehört nicht mir.

 

 

Zwanzig Jahre...

 

Vor zwanzig Jahren sang der von mir zutiefst verehrte Klaus Hoffmann ein Lied in meine Seele hinein, das mich eingenommen hat. Wie eine Geschichte, die ihren Halt findet, ohne zur Ruhe zu kommen.

Er lässt in diesem Lied einen Jungen die sehr klare, ehrliche Anrede an seine große Liebe halten. Dabei bleibt offen, ob es sich um das gleichaltrige Mädchen aus dem Nachbarhaus handelt. Oder um eine Tante. Oder um die geheimnisvolle Fremde, die wir alle haben. Oder um die Tochter des Blumenhändlers. Oder die Freundin eines Freundes. Wir erfahren es nicht, und es ist nicht von Belang.

Wichtig war und ist, dass sich diese sagenhafte Geschichte, dieses Greifen ins Verlieren, dieses verzweifelte Flehen, dass sich dieses Hinterhersehnen ohne zu schreien und ohne zu fordern, in mir festgebrannt hat. Zwanzig Jahre habe ich das Suchen nach dieser "inneren" Tilly mit mir herumgetragen.

Das Lied begleitete mich und war irgendwie immer da. Hoffmanns Erzählung über diese Liebe gehört für mich zu meinem engst möglich gefassten Lieder-Kanon.

 

Zwanzig Jahre sind eine Zeit.

Ich hatte also diese Geschichte von Hoffmanns "Tilly" zwanzig Jahre bei mir. Ich hatte ihren Ausgang akzeptiert. Was sollte ich sonst auch tun. "Tilly" gehörte einem Künstler, den ich verehre. Doch nach diesen zwanzig Jahren dachte ich,... Nein! Nach diesen Jahren wollte ich ganz unbedingt, dass die Geschichte von Tilly nicht zu Ende erzählt ist. Ich wollte ihr begegnen.

 

Denn plötzlich hatte ich dieses Gefühl, Tillys Weg zu kreuzen. Ich spürte sie. Ich sah sie. Sie saß neben mir, lief neben mir die Straße entlang, kam mir entgegen. Sie verschwand und kehrte zurück. Immer wieder. Und vielleicht macht sie sich ja eines Tages doch wieder auf, irgendwohin.

 

Nach zwanzig Jahren, in denen ich dieses Lied hörte wie das Klopfen eines ersehnten Regens auf das Vordach, war ich mir sicher, dass die Geschichte von Tilly tatsächlich weitergeht. Und als ich zu Tilly sagte, sie sei verschwunden gewesen, antwortete sie: "Ich war nicht verschwunden. Ich war nur weit genug entfernt."

 

Ich hoffe sehr, Tilly nicht geraubt zu haben. Sie gehört natürlich immer Klaus Hoffmann.

Ich überlegte, ihr einen anderen Namen zu geben. Aber das kann ich nicht.

Und ich grübelte, ob ich das überhaut darf -  Tilly zu treffen. Aber ich habe so viel Freude daran gefunden, ihr zuzuhören. Sie hat eine Stimme - ihr Schöpfer würde mit ihr singen. Davon bin ich überzeugt.

 

Wenn Tilly also künftig mit mir spricht, werde ich es hier für Euch festhalten.

Und natürlich für Tilly. Damit sie mich nicht vergisst.

Und für mich, damit ich mich selbst nicht verliere.

 

 

 

Das Lied "Tilly" erschien 1995 auf dem Album "Erzählungen".